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Tobias Plettenbacher von TIMESOZIAL über die Internet-Währung Bitcoins

Meine Sichtweise in Kürze: Bitcoin ist ein extrem zwiespältiges System. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung (unabhängig, dezentral, sicher). Aber die Geldschöpfung ist weder demokratisch, noch sinnvoll gesteuert!

 
1. Wie funktioniert Bitcoin
Bitcoins sind elektronische Zahlungseinheiten, die in Blöcken zu je 50 Coins
berechnet werden und hoch komplexe mathematische Bedingungen erfüllen.
Die Coins können für Zahlungen verwendet und dabei bis zur 8. Nachkommastelle
unterteilt werden. (Vermehrt können sie dabei aber nicht werden.)
Damit ist einerseits die Fälschungssicherheit sichergestellt,
andererseits ist ihre Vermehrbarkeit eingeschränkt.
 
Die Geldschöpfung erfolgt, indem Computer mit Hochleitungs-Grafikkarten
dieses mathematische Puzzle lösen und neue Bitcoins berechnen (sog. Mining).
Es gibt aber nur eine begrenzte Zahl von Bitcoins, die diese Bedingungen erfüllen.
Und es wird mit der Zeit immer schwieriger, neue Bitcoins zu berechnen,
bis dies in einigen Jahren auch mit Super-Computern unmöglich wird.
 
Da die Geldschöpfung auch anders erfolgen könnte (siehe unten), ist das Mining
ein sinnloser Rechenaufwand und Stromverbrauch und mehr ein Marketing-Gag.
 
2. Das Positive: unabhängig, dezentral, sicher
Bitcoin ist eine faszinierende und sehr fortschrittliche Hacker-Währung.
Das System ist total dezentral, nicht zu knacken und somit auch nicht zu verbieten.
Wenn es sich durchsetzt, gibt es kaum eine Chance,es zu bekämpfen oder zu verhindern.
 
3. Der große Konstruktionsfehler: Die Geldschöpfung
Man kann Bitcoins nicht frei schöpfen/vermehren, also sein Konto nicht überziehen.
Begründet wird das mit einem völlig falschen Geldverständnis, dass Geldschöpfung
aus Luft (Fiat Money) schlecht sei und elektronisches Geld (wie Gold) begrenzt sein muss.
Dies ist meiner Meinung sogar als schwerer Rückschritt vom heutigen Geldsystem zu sehen.
Die Geldschöpfung von "Fiat Money" mit all seinen Fehlern ist fortschrittlicher!
(Dessen Problem ist, das die Geldschöpfung mit Zins und Schuld durch private Banken erfolgt.)
 
Eine Privatperson kann Bitcoins heute eigentlich kaum mehr "minen", sondern nur für US$ ersteigern.
Dadurch ist Bitcoin ein extrem deflationäres (Mangel-)Geld, das ständig an Wert gewinnen
und daher nur für Spekulation (Handeln, Kaufen, Verkaufenetc.), aber nicht
als Tauschmittel für den Handel und Austausch Waren verwendet werden wird.
In der Realenwirtschaft macht bisher auch kaum jemand mit. In Mitteleuropa
habe ich nur 30 Teilnehmer gefunden, die Waren/Leistungen anbieten!
Bei denen kann aber niemand einkaufen, da es zu wenig Bitcoins gibt.
 
Bitcoin ist also kein Tausch- sondern ein Spekulations- und Wertaufbewahrungsmittel wie Gold.
Es wird nie genug Bitcoins geben. Erhöhte Nachfrage an Bitcoins kann nicht durch Erhöhung
der Geldmenge ausgeglichen werden, sondern bewirkt eine Wertsteigerung (Deflation).
Allein in den letzten Monaten stieg der Kurs von 20 Cent auf 8 US$ pro Bitcoin!
 
Eine weitere Gefahr: Da das System so komplex ist, dass die meisten (auch ich)
es nicht voll verstehen, besteht die Möglichkeit, dass irgendjemand
im System die Regeln der Geldberechnung/-gültigkeit beeinflussen
und somit die alleinige Macht über die Geldschöpfung ausüben kann.
 
Die Macht des Geldes liegt nämlich in der Macht der Geldschöpfung.
Die Freiheit eines Geldsystems liegt in der Freiheit seiner Schöpfung.
Somit ist Bitcoin (soweit ich es verstanden habe) ein unkontrollierbares,
monopolistisches, totalitäres und undemokratisches Geldsystem!
Durch gravierende Änderung der Geldschöpfung könnte Bitcoin eine echte
Revolution bringen. Wie es scheint ist dies aber nicht mehr möglich.
 
4. Nachtrag: Freiheit der Geldschöpfung
Da meiner Meinung nach die Freiheit der Geldschöpfung der entscheidende Faktor ist,
brauchen wir Geldsysteme mit gegenseitiger Kreditvergabe (Barter-Ring wie bei WIR),
bei der Geld niemals zu einer Mangelware oder einem Monopol und somit einem
Machtinstrument werden kann. Geld muss immer ausreichend vorhanden sein
und von den Menschen selbst geschöpft werden, wann und wo es gebraucht wird.
Ich plädiere also für möglichst dezentrale, basisdemokratisch steuerbare Geldsysteme
auf lokaler bis regionaler Ebene (Gemeinde, Regionen). Nur dann kann eine
Konzentration von Macht und deren Missbrauch langfristig verhindert werden.
 
Das Problem bei freier Geldschöpfung ist die Verhinderung der Inflation
und die Steuerung der Geldmenge(n). Dies ist möglich, wenn endlich eine
Trennung zwischen Geldumlauf und Wertaufbewahrung erfolgt.
 
5. Exkurs: Trennung zwischen Geldumlauf und Wertaufbewahrung
Das meist nicht erkannte Problem des Geldes ist, dass die zwei Geldfunktionen
Tausch und Wertaufbewahrung in diametralem  Gegensatz zu einander stehen
und sich gegenseitig in ihrer Erfüllung behindern. Diese Funktionen sind zu trennen
und damit endlich deren reibungsloses Funktionieren, eine Steuerung von
Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit zu ermöglichen und Inflation zu verhindern.
 
Daher darf gehortetes (nicht zirkulierendes) Geld nicht gemeinsam mit
dem  umlaufenden Geld in einem offenen Kreislauf verwendet werden!
Wir lagern Brennholz auch nicht direkt in der Feuerstelle, sondern abseits!
 
Ein Großteil des geschöpften Geldes ist dem Geldkreislauf zu entziehen,
also Geldumlauf und Geldaufbewahrung in zwei Geldkreisläufe zu trennen:
täglich behebbare Girokonten und langfristig gesperrte Sparkonten und
auf der anderen Seite zinsfreie Kontokorrent- (Waren) und Investitionskredite.
 
Die Geldmenge im Geldumlauf muss der Wirtschaftsleistung (z.B. der Größe der Warenlager)
entsprechen, die Geldmenge der Sparkonten dem Wert der geschaffenen Infrastruktur.
Die Summe der jährlich auslaufenden, also in den Umlauf kommenden Spargelder,
muss der Summe der durch die Infrastruktur geschaffenen Werte entsprechen.
Dann kann Geld frei geschöpft und doch stabil und gezielt gesteuert werden.
(Die Details würden zu weit führen - ich schreibe aber an meinem 2.  Buch :-).
  
 
P.S.: Interessanter Artikel: Hacker-Währung Bitcoin
 
 
 
P.P.S.: Noch ein Buchtipp zuletzt: Das beste, brillanteste und präziseste
Buch zum Thema Geld, Zins, Kapitalismus, Mehrwert etc.:
Samirah Kenawi, 2009: Falschgeld - Die Herrschaft des Nichts über
die Wirklichkeit. EWK Verlag, ISBN 3938175494, EUR 18.80
 
Leider hat sie die Trennung der Geldfunktionen nicht ganz verstanden und auch
 
nicht, dass Guthaben etwas Negatives (Ansprüche an die Volkswirtschaft) sind,
die wir eigentlich abbauen und verhindern und niemals fördern sollten.
Es braucht keine Sparguthaben, um Kredite zu vergeben!

 

Autor: Tobias Plettenbacher