|
Stellungnahme von Tobias Plettenbacher |
Bitcoin - elektronisches GOLD mit allen Vor- und Nachteilen
Derzeit herrscht ein richtiger Medienrummel zur Häcker-Währung Bitcoin. Da diese die modernsten Verschlüsselungstechniken nützt und somit sehr komplex ist, ist sie für die meisten nicht zu durchschauen. Eine große Gefahr für unser Geldsystem, eine Chance für Terroristen oder die elektronische Lösung des Geldproblems und freies Internet-Geld?
1. Beurteilung von Bitcoin in Kürze
- Bitcoin ist elektronisches GOLD mit allen Vor- und Nachteilen: Es ist sicher, aber nicht vermehrbar.
- Bitcoin ist ein extrem zwiespältig: ein Schritt in die richtige Richtung (unabhängig, dezentral, sicher), aber die Geldschöpfung ist weder demokratisch, noch steuerbar (keine Geldmengen- und Umlaufsteuerung).
- Bitcoins sind deflationär, d.h. es sind immer zu wenig. Sie gewinnen dadurch täglich an Wert und werden nicht ausgegeben. Bitcoin ist somit kein Tausch- sondern ein Wertaufbewahrungs- und Spekulationsmittel.
- Bitcoin erzeugt somit eine Spekulationsblase. Wenn die Käufer erkennen, dass es keinen Wert hat (da man nichts dafür kaufen kann), wird die Blase platzen.
- Bitcoin ist ein extrem zwiespältig: ein Schritt in die richtige Richtung (unabhängig, dezentral, sicher), aber die Geldschöpfung ist weder demokratisch, noch steuerbar (keine Geldmengen- und Umlaufsteuerung).
- Bitcoins sind deflationär, d.h. es sind immer zu wenig. Sie gewinnen dadurch täglich an Wert und werden nicht ausgegeben. Bitcoin ist somit kein Tausch- sondern ein Wertaufbewahrungs- und Spekulationsmittel.
- Bitcoin erzeugt somit eine Spekulationsblase. Wenn die Käufer erkennen, dass es keinen Wert hat (da man nichts dafür kaufen kann), wird die Blase platzen.
2. Wie funktioniert Bitcoin
Bitcoins sind elektronische Zahlungseinheiten, die in Blöcken zu je 50 Coins berechnet werden und hoch komplexe mathematische Bedingungen erfüllen. Die Coins können für Zahlungen verwendet und dabei bis zur 8. Nachkommastelle unterteilt werden. (Vermehrt können sie dabei aber nicht werden.) Damit ist - wie bei Gold - einerseits die Fälschungssicherheit, andererseits die Seltenheit garantiert.
Die Geldschöpfung erfolgt, indem jeder Computer-Besitzer - am besten mit Hochleitungs-Grafikkarten - dieses mathematische Puzzle lösen und neue Bitcoins berechnen kann (sog. Mining). Es gibt aber nur eine begrenzte Zahl von Bitcoins, die diese Bedingungen erfüllen (maximal ca. 21 Mio.). Und es wird mit der Zeit immer schwerer, neue Bitcoins zu berechnen, bis dies in einigen Jahren auch mit Super-Computern unmöglich wird.
Da die Geldschöpfung auch anders erfolgen könnte (siehe unten), ist das Mining ein sinnloser Rechenaufwand und Stromverbrauch und mehr ein Marketing-Gag. Momentan kostet der Strom für die Berechnung neuer Bitcoins mehr, als diese derzeit wert sind.
3. Das Positive: unabhängig, dezentral, anonym, sicher
Bitcoin ist eine faszinierende und sehr fortschrittliche Hacker-Währung. Das System ist Open Source, total dezentral, anonym und kaum zu knacken. Wenn es sich durchsetzt, gibt es wenige Chancen, es zu verbieten.
4. Der große Konstruktionsfehler: Die Geldschöpfung
Niemand kann Bitcoins frei schöpfen/vermehren, indem er oder eine Gruppe z.B. ein Konto überzieht. Begründet wird das mit einem falschen Geldverständnis, dass Geldschöpfung aus Luft („Fiat Money“) schlecht sei und elektronisches Geld (wie Gold) begrenzt sein muss. Dieser Denkfehler resultiert aus der Vorstellung der Goldwährungsanhänger, dass Geld keine Information oder ein Tauschmittel sei, sondern einen innen Wert haben, also ein Wertaufbewahrungsmittel sein muss. Dies ist meiner Meinung sogar als schwerer Rückschritt zu sehen. Die Geldschöpfung von „Fiat Money“ ist fortschrittlicher! (Der Fehler im heutigen Geldsystem ist, das die Geldschöpfung mit Zins und Schuld durch private Banken erfolgt.)
Eine Privatperson kann Bitcoins heute eigentlich kaum mehr "minen", sondern nur für US$ ersteigern. Dadurch ist Bitcoin ein extrem deflationäres (Mangel-)Geld, das ständig an Wert gewinnt und daher nur für Spekulation (Kauf/Verkauf gegen andere Währungen etc.), aber nicht als Tauschmittel für den Austausch von Waren verwendet wird. In der Realwirtschaft machen bisher auch nur wenige mit und machen kaum Umsätze. Im Nahbereich von Österreich (Bayern, Tschechei, Slowakei, Slowenien, Norditalien, Schweiz) gibt es nur 30 Teilnehmer, die Waren oder Leistungen anbieten! Bei denen kann aber niemand einkaufen, da es zu wenig Bitcoins gibt. Wer Bitcoins hat, gibt sie nicht aus, da sie täglich an Wert gewinnen.
Bitcoin ist also kein Tausch- sondern ein Wertaufbewahrungs- und Spekulationsmittel wie Gold. Es wird nie genug Bitcoins geben. Erhöhte Nachfrage an Bitcoins kann nicht durch Erhöhung der Geldmenge ausgeglichen werden, sondern bewirkt eine Wertsteigerung (Deflation). Allein in den letzten Monaten stieg der Kurs von 20 Cent auf 8 US$ pro Bitcoin! Bitcoin erzeugt somit eine Spekulationsblase. Wenn die Käufer erkennen, dass es keinen Wert hat (da man nichts dafür kaufen kann), wird die Blase platzen.
Wenn Benutzer ihre Wallet-Datei (die elektronische Brieftasche auf ihrem PC) verlieren, gehen die darin gespeicherten privaten Schlüssel und eingezahlten Bitcoins verloren. Da aber keine neuen Bitcoins erzeugt werden können, schrumpft die Geldmenge ständig. Eine Geldmengensteuerung ist somit unmöglich. Es ist nicht klar, ob das System den Verlust von Bitcoins kompensieren kann. Das System könnte dann zerstört werden, indem alle Bitcoins ersteigert und danach gelöscht werden.
Eine weitere Gefahr: Da das System so komplex ist, dass die meisten (auch ich) es nicht voll verstehen, besteht die Möglichkeit, dass irgendjemand im System die Regeln der Geldberechnung/-gültigkeit beeinflussen und somit die alleinige Macht über die Geldschöpfung ausüben kann.
Die Macht des Geldes liegt nämlich in der Macht der Geldschöpfung. Die Freiheit eines Geldsystems liegt in der Freiheit seiner Schöpfung. Somit ist Bitcoin (soweit ich es verstanden habe) ein unkontrollierbares, monopolistisches, totalitäres und undemokratisches Geldsystem! Durch gravierende Änderung der Geldschöpfung könnte Bitcoin eine echte Revolution bringen. Wie es scheint ist dies aber nicht mehr möglich.
5. Nachtrag: Freiheit der Geldschöpfung
Da meiner Meinung nach die Freiheit der Geldschöpfung der entscheidende Faktor ist, brauchen wir Geldsysteme mit gegenseitiger Kreditvergabe, bei der Geld nie zu einer Mangelware oder einem Monopol und somit einem Machtinstrument werden kann. Geld muss immer ausreichend vorhanden sein und von den Menschen selbst geschöpft werden, wann und wo es gebraucht wird. Erst dann wird Geld seine Macht über uns Menschen verlieren können und wir das Geld kontrollieren. Ich plädiere daher für möglichst dezentrale, basisdemokratisch steuerbare Geldsysteme auf lokaler bis regionaler Ebene (Gemeinde, Regionen). Nur dann kann eine Konzentration von Macht und deren Missbrauch langfristig verhindert werden.
Das einzige Problem bei freier Geldschöpfung ist die Steuerung der Geldmenge(n) und die Verhinderung von Inflation. Dies ist möglich, wenn endlich eine Trennung zwischen Geldumlauf und Wertaufbewahrung erfolgt.
6. Exkurs: Trennung zwischen Geldumlauf und Wertaufbewahrung
Das meist nicht erkannte Problem des Geldes ist, dass die zwei Geldfunktionen Tausch und Wertaufbewahrung in diametralem Gegensatz zu einander stehen und sich gegenseitig in ihrer Erfüllung behindern. Diese Funktionen sind zu trennen und damit endlich deren reibungsloses Funktionieren, eine Steuerung von Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit zu ermöglichen und Inflation zu verhindern.
Daher darf gehortetes (nicht zirkulierendes) Geld nicht zusammen mit dem umlaufenden Geld in einem offenen Kreislauf verwendet werden! Wir lagern Brennholz auch nicht direkt in der Feuerstelle, sondern abseits!
Ein Großteil des geschöpften Geldes ist dem Geldkreislauf zu entziehen, also Geldumlauf und Geldaufbewahrung in zwei Geldkreisläufe zu trennen: täglich behebbare Girokonten und langfristig gesperrte Sparkonten und auf der anderen Seite zinsfreie Kontokorrent- (Waren) und Investitionskredite.
Die Geldmenge im Geldumlauf muss der Teuerungsrate oder der Wirtschaftsleistung (z.B. der Größe der Warenlager) angepasst werden. Die Geldmenge der Sparkonten muss dem Wert der geschaffenen Infrastruktur entsprechen. Die Summe der jährlich auslaufenden, also in den Umlauf kommenden Spargelder, muss der Summe der durch die Infrastruktur geschaffenen Werte entsprechen. Dann kann Geld frei geschöpft und doch nachhaltig stabil und gezielt gesteuert werden. Die Details würden zu weit führen.
Tobias Plettenbacher
Links
- Digitale Schatten-Währung wertet massiv auf: www.handelsblatt.com/technologie/it-tk/it-internet/digitale-schatten-waehrung-wertet-massiv-auf/4234332.html?p4234332=all
- Hacker-Währung Bitcoin: www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,765382,00.html
- Schweinehaus: Go Bitcoin - Freies Geld im Internet: www.schweinehaus.de/2011/03/25/go-bitcoin-freies-geld-im-internet
- Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) warnt Verbraucher und Händler vor Bitcoins: www.bvdw.org/presseserver/bvdw_statement_bitcoins/110601_bvdw_statement_bitcoins_final.pdf
Buchtipps
- Tobias Plettenbacher, 2007: Neues Geld - Neue Welt: Die Wirtschaftskrise - Ursachen und Auswege, planetVERLAG, 12. Auflage 2010, Paperback, 206 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-902555-27-4, freier Download als PDF unter www.timesozial.org/index.php?id=101 („Neues Geld - Neue Welt V2.3.pdf“ ganz unten).
- Samirah Kenawi, 2009: Falschgeld - Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit. EWK Verlag, ISBN 3938175494, EUR 18.80. Das beste, brillanteste und präziseste Buch zum Thema Geld, Zins, Kapitalismus, Mehrwert… Siehe www.ewk-verlag.de/ReLaunchAY/AYF_SachWirt.html oder www.amazon.de/Falschgeld-Herrschaft-Nichts-über-Wirklichkeit/dp/3938175494




